Ich blicke mehr der Ordnung halber auf den Bildschirm. Alles wie gehabt, der fünfte Tag ohne das Internet. Weltweit weg. „Eine digitale Sonnenfinsternis“, taufe ich den Netzausfall. Eine Sonnenfinsternis, während der die Schwalben hoch am Himmel bleiben, Kinder zur Schule gehen und Arbeiter mit Teermaschinen marode Straßen flicken, während auf der Datenautobahn Pause herrscht.
Ich denke über ein Bild für das Internet nach. Nach fast zwei Jahrzehnten gibt es kein Piktogramm, das in seiner Reduziertheit globale Gültigkeit hat. Ein hilfloses „www“ im Quadrat, ein Globus mit Kabel, nichts, was je die Ikonographie eines Telefonhörers erreicht hätte. Und vielleicht ist es deshalb nur logisch, wenn nun die unsichtbaren Netzknoten als Allegorie für die Gleichzeitigkeit und Gleichwertigkeit von Informationen endlich auch einmal zum Hauptdarsteller werden.
In einer ersten Stellungnahme der Kanzlerin fiel schon am ersten Tag des Blackouts der Satz „Nichts wird mehr so sein wie es war“. Hinter der Kamera sah man dabei die dunkle Lederkombi des Motorradkuriers, der in wenigen Minuten die MAZ von Berlin zur Tagesthemen-Redaktion nach Hamburg fahren würde. Die Zeit ohne Netz war mit der ersten Minute nicht wie eine Zeit vor dem Internet. Sie katapultiert die Welt zurück in eine Zeit, die weit vorher liegt.
Die Welt ist nicht heiler, sie dreht sich nur anders. Die Zeitsprünge sind relativ und manchmal auch ulkig. Dinge, die vor fünf Tagen noch antiquiert wirkten, waren vor gerade mal zwei Jahrzehnten futuristisch. Um meine Daten an den Verlag zu übermitteln, benötige ich ein Fax-Gerät. Alter Preis 99 Euro, neuer Preis 300 Euro. Die aktuelle Lieferzeit des ehemaligen Ladenhüters: Vierzehn Tage.
Im Café lese ich die Rhein-Zeitung. Nachrichten von gestern sind brandaktuell. Hat jemand einmal das Gegenteil behauptet? Ist es nicht ohnehin kaum greifbar, wie hoch die Summe ist, mit der Deutschland Griechenland unterstützt? Was bringt es, dass wir von der Notwasserung einer Passagiermaschine auf dem Hudson im Moment des Geschehens erfahren – schmälert oder überhöht es die Leistung des Piloten?
Martin setzt sich auf den Stuhl mir gegenüber. Auch er schaut in die Zeitung und kommentiert, während er blättert. Ich trinke und höre halbherzig seinem Vortrag zu: Nachrichten, sagt er, seien selbst in einem Echtzeitmedium nur für den interessant, den sie beträfen. Das Prinzip „Internet“ führe diesen Gedanken ad absurdum: Einerseits, weil die Globalität den Empfänger von einer Nachricht weiter entfremde, als es der telegrafisch übermittelte Postkutschenüberfall im 19. Jahrhundert tat. Andererseits durch die Möglichkeiten, die den Benutzer involvieren. Egal, ob er die Ölkatastrophe nun von Koblenz oder von Alaska aus kommentiere.
„Damals meinst du. Damals, als es das Internet noch gab“, sagte ich, bestelle meinen zweiten Kaffee und schaue mir die Leute um mich herum an. Nur wenige versuchen noch hartnäckig, ihre E-Mails abzurufen, die meisten reden. Oder lesen. „Es gibt Schlimmeres als kein Internet zu haben“, denke ich, behalte es aber lieber für mich.
Martin versucht, ein Fazit des fünften Tages ohne Internet zu ziehen: Die Post erwartet steigende Gewinne in der Briefzustellung, Fahrradkuriere werden gesucht, altmodische Single-Tanztees melden riesigen Zulauf, Mütter auf den Spielplätzen konzentrieren sich auf ihren Nachwuchs. Pornoindustrie und Buchhandel profitieren ebenso wie das kleine Café, in dem wieder Leben herrscht, Arbeitsplätze werden geschaffen. Und während er redet, Vor- und Nachteile abwägt, merke ich, dass ich in Gedanken abschweife, weil ich für das Problem keine Lösung habe.
Für meine Recherchen muss ich in Zukunft wieder in Bibliotheken gehen und mir in einer gemischten Schreibwaren-Lotto-Spielwaren-Handlung sagen lassen, dass Tintenpatronen für meinen exotischen Drucker zur Zeit restlos ausverkauft sind. Es gibt nur eine Frage, die mich in der Tat beschäftigt und die wirklich gelöst werden muss: Wie füllt man noch einmal einen Überweisungsträger aus?
(Text: Mia Bernstein/ geschrieben für die “Lobo-RZ” )

Kommentar von wallnuss
#1 29. Mai 2010, 13:18 Uhr |
ein paar tage ohne netz ? es ibt viele situationen die das ohne globale panne mit sich bringen: ein unfall ; du wachst im krankenhaus auf und noch bevor du notoperiert wirst, wird dir der speiseplan für die kommenden tage vorgelesen und zum krönenden abschluss die frage: haben sie sonst noch wünsche. jaaaaa, wie komme ich hier ins internet ? antwort: handyverbot.
rummms – da steht du dann im dunkeln und musst dir – am bett gefesselt- den geballten schwachsinn von sat1 bis pro7 antun. 6 stunden meisterschaftsfeier bayern münschen. die härteste strafe für einen fan von schalke. es gibt nur eine lösung, so schnell wie möglich gesund werden….