In der Ausstellung standen wir vor einem Gemälde und schwiegen, bis sie sagte, der Rahmen für das Gesamtbild sei völlig unwichtig, schließlich käme es auf den Inhalt an. Sie nickte dabei mit dem Kopf, legte ihn nach rechts, nach links, nickte wieder.
Als ich sie drei Wochen später wieder traf, erzählte sie mir unter Tränen, dass ihr Mann gegangen sei. Von nun an müsse sie sich finanziell alleine versorgen, einen Job suchen, das Haus abgeben. Es gäbe ab jetzt keine Designerklamotten mehr und die teuren Urlaube gehörten der Vergangenheit an. “Er hat mir alles genommen, was mir wichtig ist, ich hasse ihn.”
Es gibt Inhalte, die zu einem Nichts werden, nimmt man ihnen den Rahmen.

Kommentar von Metapher
#1 6. Juni 2011, 14:57 Uhr |
Bilder ohne Rahmen sind ja – um im Bild zu bleiben – manchmal gegen die Ver-Nichtung durch solches paradoxes Denken geschützt.
Aber das “völlig unwichtige” Drumherum scheint allzuoft das entscheidende Kriterium für die Realität eines ansonsten “bloß” idellen Inhaltes zu sein. Er wird dadurch anfaßbar.
Das Nicht(an)faßbare – Vertrauen, Nähe, Anregung, Gewißheit, Empathie, Seeleberühren und alles, was Person zur Persönlichkeit macht – kann, wie das Leben lehrt, allzuleicht fallengelassen werden. Oder zumindest kann es aus den Händen gleiten, ohne daß es als Verlust bemerkt wird.