Regelmäßig treffe ich auf erwachsene Menschen, deren Eltern nicht loslassen können. Sie haben noch nicht gelernt, dass ihre erwachsenen Kinder, die weit das 20. Lebensjahr überschritten haben, ein eigenes Leben führen. Die Kinder werden besonders gerne zu den Feiertagen an die Leine gelegt. Vielleicht aus Liebe, aus Sehnsucht, aus Verlangen. Vielleicht aber auch, weil Eltern vergessen, dass ihre Kinder eigene Bedürfnisse haben. Was diese Eltern für ihre Kinder bedeuten, die es nicht schaffen, sich abzugrenzen, das ahnen sie, im besten Fall. Beachten es aber nicht, im schlimmsten.
Vielleicht wollen diese Eltern es auch nicht lernen, ihre Kinder gehen zu lassen. Man ist sein Leben lang Mutter oder Vater, gleich, wie alt man selbst oder das Kind ist. Es ist ein ewiges Thema.
Wenn sechs erwachsene Menschen am Ostersonntag bei Kaffee, Sonne und Kuchen am Tisch sitzen, und um die Frage diskutieren, welche Eltern anstrengender und herausfordender sind/ waren, dann bleibt:
Eltern machen Fehler, früher oder später.
Es ist nicht leicht, Kind zu sein.
Auch mit über 40 Jahren nicht.
So oder so.
Die nächste Gelegenheit, um die Herausforderung neu anzugehen: Weihnachten. Spätestens.

Kommentar von Tino
#1 4. April 2010, 19:02 Uhr |
Zehn oder elf muß ich gewesen sein, da geisterte ein Schlager durch die Radios ( laß uns die “Bühnenshow” ignorieren und nur die Musik beachten: http://www.youtube.com/watch?v=WG2sNCeBvkE ). Meine Mutter fand das toll, fühlte sich 100%ig bestätigt und zwang mich, den Text zu bejahen. Der Klumpen von damals, den ich im Bauch verspürte, erneuert sich sofort bei jedem Gedanken an diesen Text. Ich habe es als Kind nicht benennen können, doch irgendwas in diesem Schmachtfetzen erschien mir schon beim ersten Hören grundverkehrt. Später wurde mir klar, daß ich mit Schuldgefühlen heranwachsen sollte.
Das passiert sogar viel früher als “früher oder später”; genau genommen: schon vor der Geburt des Kindes. Gemeinhin ist ein Kind die Erfüllung eines Wunsches … ich will ein Kind, wir wollen ein Kind … es ist und bleibt, auch wenn sich andere Begriffe schöner anhören, reiner Egoismus. Bis hierhin geht die Sache aber in Ordnung. Doch mit der Geburt des Kindes und mit seinem Großwerden gesellt sich ein vermeintliches Recht auf Dankbarkeit in die elterlichen Bedürfnisse. Das Kind hat – gefälligst! – dankbar zu sein. Dankbar für seine Zeugung, dankbar für seine Geburt, dankbar für die Liebe, dankbar für die Fürsorge und für die Befriedigung aller Existenzbedürfnisse, dankbar für alles und vor allem: dankbar für immer! Das kann natürlich nur funktionieren, wenn Druck ausgeübt wird, wenn der Level an Schuldgefühlen erhalten bleibt, wenn moralische Kriterien rechtzeitig in der Erziehung und vor dem Abklingen wirtschaftlicher Abhängigkeiten eingeführt werden, wenn bestimmte Behauptungen von Anfang an der unbedingten Kritiklosigkeit unterstellt werden.
Diese erwachsenen Menschen, über die Du sprichst, sind Opfer ihrer schamlos ausgenutzten Wehrlosigkeit. Zu spät, es zu kritisieren. Die Befreiung davon bedeutet für die Eltern den Tod. Und umgekehrt.
Kommentar von mar.
#2 4. April 2010, 20:22 Uhr |
Wie wahr, Elternarbeit ist nicht einfach. Ständig wird das optimale Maß, der optimale Weg gesucht. Ohne Beziehung und gemeinsame Aktivitäten – auch in Familie – gibt es keinen Halt, zuviel Nähe engt ein.
Dieser Schmachtfetzen von “keinen Pfennig” ist besonders übel und peinlich kitschig.
Emotionale Erpressung, wie in dem zuvor genannten Video “keinen Pfennig” gibt es immer wieder – nicht nur zwischen Eltern und Kindern, auch in anderen sozialen Beziehungen kommt es nicht selten vor.
Vernünftige Gespräche über Erwartung, Bedürfnis, Erfüllung könnten solche Missstände überwinden.
Kommentar von Marion
#3 5. April 2010, 00:33 Uhr |
Warum die ´Eltern´? Gut, dann ist das ´große´ Kind: wohl noch ein kleines ? das zulässt, was es für sich (noch) braucht, um… ?
Ok, dann mal ein Schwenk aus meiner… mit Rolle rückwärts und einem Handstand, im übertragenen Sinne:
´Mein´ Vater erzählte mir, im letzten Jahr, dass ´meine´ Schwester mal zu ihm sagte: “Warum habt ihr mich überhaupt geboren!?” und er fragte mich(!?): “Was habe ich falsch gemacht?!” Meine Antwort lautete: “Nichts”. Und ohne überhaupt und weiteres zu erklären. Wir schwiegen also.
Ich wuchs in 2 Familien auf, ich habe also mind. 2 Mütter und 2 Väter, über 60 und 70 Jahr alt, mit vielen Geschwistern, wir sind 8 an der Zahl, mit 2-15 Jahren Altersunterschied, und bin in beiden Familien das jüngste Kind. Ich wurde “großgezogen”, auch, von überwiegend vielen liebevollen ´bekannten wie fremden´, und zumeist ´älteren´Menschen, die zum Teil heute nicht mehr ´leben´. Ja, ja ´meine´ Familie ist riesen-groß. Und ich kann zugleich mit dem Begriff “Familie/Eltern,…”, so wie er von Leuten bedeutungsmäßig -nur gedacht- und -ungefiltert- übernommen wird, nichts anfangen.
Ich lern(t)e von jedem, ob über den Kosmos, oder von der Natur, wie auch das Schachspielen, etc., und auch ich erfuhr die Nichtliebe, Liebe, Gerechtig- wie Ungerechtigkeiten, den Neid, Hass, Gewinn, Verlust, die Brutalität, Hilflosigkeit, Macht, Stärke, Ab- und Unahängigkeiten, usw. … eben alles, was man als Polaritäten (oder ? Gegensätze, Unterschiede,… bezeichnet), für mich im extremsten Maße. Als Kind wurde ich u. a. so zur Beobachterin, Gestalterin, diejenige, zwischen zig von Stühlen; das (weise) Kind, die Beraterin, die Egoistin, usw. Erst all-es das erlebt zu haben, bis heute, war notwendig, um schließlich hier sein zu können, wo ich jetzt bin, mit 35. Und auch das Alter, unnatürlich ´in Jahren´ver_zählt ;) besagt NICHTS :) Teile der ´Weisheit´ erlangt man von Innen, und nicht von Außen. Andere brauchen Jahre, ich brauchte weniger, und wiederum andere ´lernen´ sogar noch viel schneller, hinzu, um auch weiterhin in jedem Moment neues dazu zu lernen. Ja, in uns lebt das Kind. Und wohl erwachsen sind wir erst dann, wenn wir ´gehen´, vielleicht. :)
Also: bisdahin bleibe ich Kind – alles klar!? :))
Ja, und niemand ist mein “Besitz”. Und niemand ´besitzt´ mich, weder Feiertage, Eltern, Geschwister, noch Freunde & Co. – dann, wenn wir zusammensein wollen, werden wir das sein, und eben nicht aufgrund von eingetragenen Daten im Kalender, oder sonstigen (äußeren) Vorgaben, etc. Mal davon abgesehen: “Was gibt es eigentlich zu feiern?” 1x im Jahr, euren und meinen Geburtstag, vielleicht ? Hm, aber den können wir doch jeden Tag feiern. :o)
Ehr die Begrifflichkeiten versus Bedeutungs(macht) sind es wohl, warum Leute ´erkranken/fallen/scheitern´ (müssen), und warum “Beziehungen” zerbrechen, bei Begriffen-zum-Er-Brechen, eben daran, um innerlich reifen zu können, so wie All-Es ein Geschenk ist – liebe “Eltern” – und was es nicht, oder so, alles gibt. ;) Und stimmt, auch das gibt es: Kinder, die nur auf das Erbe ihrer Eltern warten, vorne hui und hinten pfui sind, und als die Eltern dann tot waren, waren sie genauso arm wie vorher, eben des Materialismus wegen, der beste Kitt in asozialen “Familien” – wow – Ironie lässt Grüßen.
Kommentar von birgit
#4 5. April 2010, 12:54 Uhr |
für mich sind es aber nicht nur die eltern, die nicht loslassen können, sondern auch die erwachsenen kinder.
jeder ist in seinem erwachsenem ich gefragt bzw. kann sich fragen, wie er seine beziehung zu seinen eltern eigentlich gestalten möchte. oft sind hier die grenzen spürbar, die schon in der kindheit gelegt wurden. als kind ist man im schlimmsten fall opfer von missachtung, etc. als erwachsener kann ich mich entscheiden, auch wenn dies nicht ohne schmerzen geht.
ich habe mich von meinen eltern verabschiedet und bin damit aus der missachtung und dem müssen ausgestiegen. diese auseinandersetzung mit meiner eigenen kindheit bestimmt massgeblich meine eigenes “mutter sein”. für mich geht es um bedingungslose liebe. dies bestrifft sowohl die liebe zu meiner tochter als auch die liebe zu meinem partner. im grunde betrifft es alle menschen, denen ich freiwillig mein herz schenke. diese form zu lieben verlangt einiges von mir an persönlicher auseinandersetzung.
meine tochter hat das recht, mich nicht zu lieben. es ist an mir, ihr das so schwer wie möglich zu machen :) einfach dadurch, dass ich sie respekt- und liebevoll behandel. es gibt keinen liebesfreifahrtsschein als eltern. “die liebe ist ein kind der freiheit” (m. möller)
Kommentar von Metapher
#5 5. April 2010, 17:38 Uhr |
Du schreibst, du hattest das Gegenteil: Eltern die keinen Halt geben konnten. Im Grunde ist es aber dasselbe: Eltern, die nicht loslassen können, SIND ja gerade solche, die Halt nicht GEBEN können. Vielmehr suchen sie selbst in ihrem Kind den Halt. Das ist der Hintergrund, weshalb sie nicht loslassen. Sie benutzen das Kind, um sich selbst Existenzbestätigung, Ego-Versicherung zu verschaffen.
Eine von diesen vielen unbemerkten Formen der emotionalen Erpressung. Denn Halt GEBEN würde bedeuten, das Kind die Grundlagen für seine Selbstständigkeit, für seine Souveränität, nach und nach lernen zu lassen: Halt geben wir doch jemandem, damit er dann bald (wieder) sich selbst halten kann.
Diese Eltern (die nicht loslassen) halten sich selbst am Kind fest. Das Kind ist dadurch gezwungen, sogar erpresst, viel zu früh umgekehrt Verantwortung zu übernehmen: Zumindest in der Form der erzwungenen Fürsorge für die seelische Wellness der Eltern. In Form von Rücksichtnahme (= Sichselbstzurücknehmen), Dankbarkeit, Anpassung and all that.
Alice Miller bemüht sich ihr Leben lang unermüdlich, über diese heimlichen heimeligen Mißbräuche aufzuklären, nicht nur im “Drama des begabten Kindes”. Das Kind fühlt sich nur dann geliebt, wenn es genauso ist, wie die Eltern es wünschen. Einen Eigenwillen gibt es nicht – und um das zu ertragen, verkneift es sich den Eigenwillen, aus Angst, sonst nicht mehr geliebt zu werden.
Die Folge solchen Mißbrauchs ist fatal: Die “narzißtsische Kränkung”, diese Krankheit in die das Kind genötigt wird, führt dazu, daß das erwachsen gewordene Kind dasselbe wiederholt bei seinen eigenen Kindern. Der früh gelernte Mangel an Selbstwert wird aufgefüllt durch überzogene Fürsorge, die zur Unselbständigkeit nötigt, die zur Panik führt, wenn sich das Kind dieser Fürsorge auch nur vorübergehend entziehen will … und das Kind spürt diese Angst und tut fürderhin alles, um den Anderen diese Angst zu ersparen – the games go on.
Oder eine ganz andere Reaktion der Bewältigung dieser frühkindlichen Erpressung: Die Ablehnung, Verweigerung von Kindern überhaupt. Meist ausgedrückt als “Angst, dasselbe Drama zu wiederholen.”
Und nicht nur in Beziehung zu Kindern setzt sich das Drama fort. Dieselben Muster realisieren sich in Partnerbeziehungen. Fürsorge als Kompensation der Verlustangst. “Ich tue nichts für mich – ich tue alles für dich” und gleichzeitig: “Tu nie etwas, was meinen Wünschen widerspricht”. Das ist das Hauptthema bei fast jeder zweiten Paartherapie …
Und das alles nur, weil das Kind gelernt hat, daß es nur dann Selbstwert besitzt, wenn es keinen Eigenwillen hat und wenn es ausschließlich so ist, wie der Andere es wünscht. Nicht loslassen können = sich nicht lösen können: “Wenn du nicht da bist, bin ich Nichts”. Kein Wunder, denn man erzieht sich selbst auch dazu, leer zu sein ohne den Anderen. Weil man nur das tut, was dem Anderen gefällig ist. Alles Eigene wird verdrängt. Selbst-Entsorgung.
Ob Eltern/Kinder oder Paarungen: Der Andere ist – wechselseitig – nur die Kompensation des eigenen Selbstwertmangels. Auffüllung statt Erfüllung. Der Andere ist nicht der Spiegel des Selbst (wie es Platon über die – wahrhaft – Liebenden sagt), sondern die Ego-Prothese.
Die Frage bleibt, die sich ja auch Alice Miller stellt: Wie kann man dem grausamen Spiel ein Ende bereiten?
Kommentar von Mia
#6 5. April 2010, 18:26 Uhr |
Die Frage bleibt, die sich ja auch Alice Miller stellt: Wie kann man dem grausamen Spiel ein Ende bereiten?
Sofern ich das um mich herum richtig beobachte, ist der Anfang sicher das Bewusstwerden darüber, dass man nicht mehr als Wunscherfüllungsmaschine angesehen werden will. Aber wie dann weiter? Der Konflikt liegt im Raum, erwachsene Kinder sprechen es an, stoßen auf Unverständnis.
“Wir wollen nur dein Bestes, wir lieben dich…” Erpressung pur, auf einer Ebene, die es schwer macht, jemanden zurückzustoßen.
Die meisten Menschen, die ich mit dieser Herausforderung kenne, sagen, dass sie eine sehr glückliche Kindheit hatten, ihre Eltern wirklich lieben- nur das mit der Freiheit, mit dem eigenen Willen, das klappt in der Umsetzung nicht wirklich gut. Sie hätten Spaß daran, ihre Eltern zu besuchen, sofern es nicht erwartet wird- ganz gleich, ob es als “Wunsch” formuliert wird. ;-)
Dann kommen die eigenen Kinder ins Spiel, die dann den Eltern quasi als Kinderersatz dienen sollen, was aber auch nicht funktioniert.
Theoretisch würde ich sagen, die Lösung liegt in der eigenen Freiheit. Wenn es mir wichtig ist, zahle ich den Preis, der notwendig ist. Aber bei mir steht Freiheit auch ganz oben, ich bin ein schlechter Maßstab.
Danke bis jetzt für die wunderbaren Kommentare!