“Ich gehe spazieren. Bis gleich.”
“Warum?”
“Was, warum?”
“Warum gehst du spazieren?”
Während ich mir die Jacke anzog, dachte ich über seine Frage nach, fand keine Antwort, viel schlimmer noch: Ich wollte keine mehr finden.
Keine Antworten mehr finden müssen, auf Fragen, die unwichtig waren, die Grenzen setzten, die einsperrten, die mich nicht ließen.
Sein, wo ich war, ohne der Frage nachzugehen, warum oder wieso ich etwas wollte. Oder eben nicht.
In Gedanken hörte ich ihn schon sagen “Aber ich interessiere mich nun mal für dich.”
Gewonnen. Kurzfristig. Er.
Das war dieser k.o. Satz, dieser “Aber ich liebe dich doch” Satz, der, den so viele Menschen hören wollen.
Nur ich, ich wollte einfach nur spazieren gehen.
Ohne Frage, ohne Antwort.
Ich gab ihm keine Antwort, schloss die Tür hinter mir und ging.
Der Wind peitschte mir die Haare ins Gesicht, Hiebe, jede einzelne Strähne.
“Warum machst du das, warum machst du das so, warum nicht anders, wieso machst du jenes?”
Jede Strähne eine Frage. Keine Antworten.
Es ist mein Recht, zu machen, was ich will. Ich morde nicht, ich stehle nicht, ich bin einfach nur auf dieser Welt. Ich erlaube mir zu atmen, mein Ding zu machen, Fehler ohne Ende, nur leben. Es ist mein Recht, dass ich spazieren gehe, wann ich will, esse, was ich will. Es ist mein Recht, keine Antworten zu haben, keine finden zu wollen, nicht ständig hinterfragt zu werden. Es ist mein Recht, dass ich schweige, dass ich liebe oder gehe.
Und wenn du mich liebst, dann zwingst du mich nicht ständig, mir mein Recht zu erobern, zu erkämpfen oder zu erstreiten.
Mein Recht. Fertig. Ohne Punkt.

Kommentar von beingmenow
#1 3. Februar 2010, 23:44 Uhr |
Genau. So. Kein Punkt. Ausrufezeichen.
Kommentar von wortfeilchen
#2 3. Februar 2010, 23:48 Uhr |
Kein Wort zu viel. Kein Wort zu wenig. Ganz nah aus dem Leben.
Vielen Dank!
Kommentar von MotherInLaw_50
#3 3. Februar 2010, 23:50 Uhr |
Hallo Mia,
Du sprichst ein wichtiges Liebesthema an, (wenn nicht sogar das wichtigste), nämlich das Recht auf Selbstbestimmung und freier Entfaltung.
Dazu passend ein Gedicht von Erich Fried:
DICH
Dich dich sein lassen,
ganz dich.
Sehen,
dass Du nur du bist,
wenn Du alles bist
was du bist.
Das Zarte
und das Wilde.
Das Behutsame
und das Kraftvolle.
Das, was sich losreißen,
und das, was sich anschmiegen will.
Wer nur die Hälfte liebt,
der liebt dich nicht halb,
sondern gar nicht.
Der will dich zurechtschneiden,
amputieren,
verstümmeln.
Dich dich sein lassen.
Ob das schwer, oder leicht ist?
Es kommt nicht darauf an, mit wieviel
Vorbedacht und Verstand,
sondern mit wieviel Liebe und mit wieviel
offener Sehnsucht nach allem –
nach allem, was du bist
in mir ist.
Nach der Wärme
und nach der Kälte.
Nach der Güte
und nach dem Starsinn.
Nach deinem Willen
und Unwillen.
Nach jeder deiner Gebärden,
nach deiner Ungebärdigkeit,
Unstetigkeit,
Stetigkeit.
Dann
ist dieses
Dich dich sein lassen
-vielleicht-
gar nicht so schwer.
_____________________
Herzlichst
Heike
Kommentar von JaNeinVielleicht
#4 4. Februar 2010, 00:14 Uhr |
wie recht sie doch hatte. mit jedem wort.
und dennoch ist nicht jede frage eine grenze. vielleicht kam sie zur falschen zeit. vielleicht traf sie einen wunden punkt. vielleicht auch nicht.
und dennoch, meine fragen waren doch für mich auch nur mein recht, das in jenem augenblick zu tun, weil es zu mir gehört.
es ist mein recht, dass ich schweige, dass ich liebe oder gehe.
oder frage.
einfach, weil mir danach ist. wer entscheidet, welches tun zweier menschen zur gleichen zeit das richtige ist?
manchmal ist ein spaziergang nur ein spaziergang. manchmal ist ein frage nur eine frage.
wenn du mich liebst, dann zwingst du mich nicht ständig, mir mein interesse zu verkneifen.
mein recht. fertig. ohne punkt.
recht haben. recht geben. immer recht anspruchsvoll. allein das recht oder doch irgendwann recht allein. punkt.
Kommentar von nbranx
#5 4. Februar 2010, 00:22 Uhr |
wie war, wie war…
Kommentar von inez737
#6 4. Februar 2010, 10:47 Uhr |
es ist einer der größten irrtümer der menschen, zu glauben man müsse alles von einander wissen. dabei ist der schlüssel zu jeder verbindung, dass man die impulse und geheimnisse des anderen nicht hinterfragt.
es wird vergessen, sich gegensichtig atmen, laufen und schreien zu lassen.
Kommentar von stricktier
#7 4. Februar 2010, 10:55 Uhr |
wäre es ein “wohin?” gewesen – es hätte einfach stehenbleiben können. ein “wohin?” beinhaltet interesse, abgrenzung des einen gegenüber dem anderen.
ein “warum?” heißt: warum musst du gehen? warum bleibst du nicht? warum bleibst du nicht bei mir? genüge ich dir nicht?
es soll binden.
aber will man wirklich gebunden (gefesselt ) sein an einen erwachsenen (?) menschen, der einen nicht spazierengehen lasen kann?
ich meine: nein. in keinem fall.
Kommentar von hoermalhoerbar
#8 4. Februar 2010, 23:02 Uhr |
Wenn man sich entscheidet ein Paar zu sein, muß das immer irgendwo seine Schattenseiten bezüglich Individualität werfen.
Der Idealfall ist (für mich) allerdings weder das aneinander vorbei Leben zweier Individualisten noch die völlige Aufgabe der eigenen Person und das alleinige aufgehen im Wir.
Der andere beinflußt. Immer. Man sollte mögen, was dieser Einfluß aus einem macht, mehr als das, was man selbst und ohne diesen Einfluß ist.
Das geht mir dabei durch den Kopf.
Olaf.
Kommentar von guenni1962
#9 10. Februar 2010, 15:06 Uhr |
Ohne weitere Worte. Schön.